Jetzt ist der Mai gekommen – und wir machen uns alle wieder ein bisschen locker. Wir dürfen zum Friseur, ins Restaurant und über die Grenzen reisen … aber wir sollen um Himmels willen Abstand halten! Also keine Umarmungen, keine Küsse auf die Wangen. Vorerst jedenfalls. Denn der „Ausnahmezustand“ zeigt immer wieder, dass heute geltende Regeln, morgen schon wieder anders lauten.
Die Umarmungen werden mir also bis auf Weiteres fehlen. Es bleibt nichts außer einem breiten Strahlen, das man hinter der Mund-Nasen-Maske sowieso nicht erkennt, oder ein freundliches Winken aus zwei Metern Abstand – oder?
Vielleicht gibt es Gesten, die ohne Berührungen auskommen? Mit denen wir ausdrücken können, wie nah wir jemandem wirklich stehen? Meine Nichte Marla hätte dazu jedenfalls ein paar Ideen …
„Ich freue mich riesig, dich zu sehen!“
„Du ahnst ja nicht, wie sehr ich dich vermisst habe!“
Und zum Abschied gibt‘s einen Luftkuss
Allen anderen flüchtigen Bekannten, wie etwa dem Bürgermeister oder der Bürgermeisterin, begegnen wir mit dem üblichen höflichen Kopfnicken, auch kombinierbar mit einem fröhlichen „Moin!“.
… natürlich haben wir Berge im Ostseeferienland – aus Seegras. Aber zugegeben: ein paar Böen aus dem Westen und zwei Tage Sonne, dann sind sie wieder verschwunden
Der Schweizer Naturforscher Conrad Gesner allerdings hat vor über 460 Jahren in seinem „Thierbuch“ folgendes vermerkt: „Ein Schaf ist ein mildes, einfältiges, demütiges, stilles, gehorsames, furchtsames und närrisches Tier … Wenn eines sich verläuft …, stürzen sich die anderen alle hernach.“ Ich bin überzeugt, man wird den unterschiedlichen Hausschafrassen und -typen, die allesamt vom Armenischen Mufflon abstammen, mit dieser Charakterbeschreibung nicht gerecht. Aber ihr an Schicksalsergebenheit erinnernder Sanftmut erklärt wahrscheinlich, warum die Kirche die Metaphern vom Hirten (dem Pastor) und seiner Herde (der Gemeinde) gebraucht und das Lamm Gottes zum Sinnbild für den alles erduldenden Jesus Christus wurde. Vielleicht fiel es dem Menschen wegen dieser genügsamen Facette so leicht, sich die wolligen Wiederkäuer zunutze zu machen.
Neben der Wolle, der Milch und dem Fleisch finden Schafprodukte vielfältige Verwendung. Was nach der Schlachtung übrig bleibt, bildet beispielsweise das Rohmaterial für Leime, Kerzen und Seife sowie kosmetische Produkte. Der Darm dient als Wurstpelle und wird zum Bespannen von Tennisschlägern verwendet. Trotzdem gibt es immer weniger Schafe. Bundesweit weiden noch gut 1,6 Millionen der wolligen Nutztiere, in Schleswig-Holstein sind es, nach Angaben des Schaftzuchtverbands, 200.00 Mutterschafe. Dreizehn Jahre zuvor waren es beinahe doppelt so viele. Warum die Schäfer sich von ihren Herden trennen? Weil die extrem zeitraubende Bürokratie ihnen über den Kopf wächst und die Schafhaltung unwirtschaftlich wird.
Küstenschutz auf vier Beinen
Aber zum Glück prägen die wolligen Paarhufer noch immer das Landschaftsbild zwischen den Meeren. Mit „goldenem Tritt“ trampeln sie die Deiche fest, die der Mensch einst dem Meer abgerungen hat und seither gegen Sturmfluten verteidigt werden müssen. Und den Bewuchs knabbern sie mit ihrem „goldenen Biss“ knapp über den Wurzeln ab. Auf diese Weise bilden sich festere Grasnarben aus, durch die heranflutende Wassermassen nicht so leicht in den Deich eindringen können. Auch Wiesen, Äcker und Kargland halten sie so von Verbuschung frei.
Die lütten Lämmer, die gerade am Deich nördlich von Dahme herumtollen und Bocksprünge vollführen, wissen noch nichts davon, wie unentbehrlich sie sind. Und wir? Wir genießen das große Kino und schauen den „Deichgärtnern“ entzückt bei der Arbeit zu.
Wozu Schafe noch gut sind, findet ihr hier: https://www.strandkorb-gefluester.de/2020/04/07/die-frau-die-ein-ganzes-tal-veraendert-hat/
Der Politikwissenschaftler Roland Sturm von der Uni Erlangen hat vermutet, es gehe wohl darum, dass der Staat auf bestimmte Dinge aufpasse. Ja, aber worauf soll er denn aufpassen, der Staat? Ich hätte da so ein paar Ideen: Zum Beispiel darauf, dass mich komplett (!) unbekleidet joggende Touristen auf dem idyllischen Feldweg zur Ostsee nicht dazu bringen, schon morgens den Kopf hängen zu lassen, weil ich da einfach nicht hinschauen kann. Das Heimatministerium könnte auch durchfahrenden Autofahrern beibringen, dass Flachmänner und Fast Food-Abfall absolut nix in der Natur zu suchen haben. Ich vermute mal, in Wahrheit soll es darauf auspassen, dass nicht so viele fremde Leute in unser Land kommen, die unsere schöne Kultur und unsere guten Sitten kaputtmachen … Ich darf leben, wo andere Urlaub machen wollen. Über mir ein Himmel, der nirgends blauer ist als hier. Darunter die zu jeder Jahreszeit schöne Ostsee. Keine Bettenburg versperrt mir die Sicht, stattdessen kuscheln sich Backsteinhäuser in das Grün. Auf den Feldern machen sich die Bauern bald an die Ernte. Man riecht den Herbst schon, wenn der Raps gedroschen wird.
„Man riecht den Herbst schon, wenn der Raps gedroschen wird.“
Wo ein Fischbrötchen besser schmeckt als Sushi
Meine Heimat riecht nach Ostseeluft, nach Ackererde und Wald. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, von dem Flecken vertrieben zu werden, an dem man groß geworden ist. Die Landschaft, die Düfte und den Geschmack der Kindheit hinter sich lassen zu müssen – unfreiwillig, aus Not oder blanker Angst. Wie es ist, nach Flucht und Vertreibung an einem nicht vertrauten Ort Wurzeln schlagen zu müssen. Laut einer Infratest-dimap-Umfrage ist der Begriff „Heimat“ überwiegend positiv besetzt. Für rund neun von zehn in Deutschland lebenden Menschen ist er eng verknüpft mit einem Ort oder mit „Menschen, die ich liebe oder mag“, andere denken dabei an „Sicherheit und Geborgenheit“. Ich bin nach Jahren aus all diesen Gründen dorthin zurückgekehrt, wo mir ein Fischbrötchen besser schmeckt als Sushi, wo Menschen leben, die ticken wie ich, und wo Schimpfworte, die im Streit aus einem herauswollen, auf Plattdeutsch so milde klingen, dass man sich danach wieder problemlos vertragen kann. Hier fühle ich mich geborgen und kann sein, wie ich bin.
Die Heimat tragen wir in uns
Das Bundesheimatministerium soll ja tatsächlich wichtige Aufgaben erfüllen. Es will unsere Traditionen bewahren, ererbtes Kulturgut pflegen und dafür sorgen, dass Menschen in ländlichen Regionen nicht abgehängt werden. Staatliches Aufpassen allein wird das aber nicht richten. Die Heimat, die tragen wir in uns. Wir alle. Deshalb sollten wir sie gut behandeln – die Orte und Menschen und die Natur, die wir so sehr lieben. Wenn wir den Müll nicht einfach in der Landschaft entsorgen und beim Joggen Schlüpfer anziehen, wäre das doch schon mal ein guter Anfang, oder?
Lauschiges Plätzchen zum Verlieben - von Lars Plön gebaut. (Foto: Ilona Habben)
Da hinten! Da kommt schon wieder einer dieser Bagaluten, die auf der Promenade mit ihrem Rad fahren. Lars Plön ahndet solche Vergehen auf die ihm eigene Weise. Er raschelt mit der Bonbontüte und ruft, „Kinder, guckt mal, was ich hier habe.“ Begeistert stürmen drei Lütte im Grundschulalter los. Raus aus dem Sand, rauf auf die Promenade, rüber zur Strandkorbvermieterbude. Der Radfahrer bremst, gerät ins Trudeln, steigt ab, und schiebt seinen Drahtesel weiter, als wäre er unverdächtig. Lars lächelt verschmitzt: „Das ist meine Art von Verkehrsberuhigung. Aufregen bringt doch nix“, sagt er norddeutsch gelassen und blinzelt der Sonne entgegen.
Seinen lachfaltigen Augen, die der 55-Jährige immer wieder von seiner Bude aus über den Nordstrand von Dahme (www.dahme.com) schweifen lässt, entgeht nichts. Kein Verkehrssünder, keine Kinder, die sich leichtsinnigerweise gegenseitig zu tief in den Sand eingebuddelt haben. Selbst das nicht, was sich auf dem Wasser abspielt. So wie vor ein paar Jahren, als ein Mann bei ablandigem Wind mit dem Boot rausgepaddelt und 300 Meter von der Küste entfernt in Seenot geraten war. „Das Ruder war gebrochen, und er trieb immer weiter raus“, erinnert sich Lars. Der schnappte sich sein Surfbrett, glitt über die Wellen und rettete den Schiffbrüchigen an Land. Dessen Familie ist ihm dafür bis heute dankbar und gehört zu seinen treuesten Kunden.
Lars Plön in seiner Vermiterbude am Nordstrand von Dahme
„Aufregen bringt doch nichts“
Lars Plön
Ein Strandkorb: mehr als pures Sommerglück
Lars ist Lebensretter, Kinderheld und Strandkorbbauer. Letzteres wurde der gelernte Tischler nur aus der Not heraus: „1989 hatte ein kräftiger Sturm mitten im August das Wasser bis zur Promenade hochgetrieben und die Strandkörbe meines Vaters Karl-Heinz zerstört. 80.000 D-Mark Schaden waren da entstanden. Wir hatten also die Wahl: kaufen oder selbermachen. Weil mir die Fabrikware nicht robust genug war, habe ich angefangen, die Körbe selbst zu bauen.“ Seither wird im Sommer vermietet und im Winter restauriert. Oder neu gebaut – mit Schlitzen, Nuten und Zapfen, so wie es sich für solides Handwerk gehört.
Dass Lars nicht nur ein guter Handwerker ist, sondern auch ein einfallsreicher Erfinder, hat sich herumgesprochen. So mancher, dem die mobilen Sonnenschutzhäuschen nicht komfortabel genug erscheinen, lässt sich Luxusausführungen für den heimischen Garten anfertigen. Einen „Ganzlieger“ etwa, bei dem sich die Haube auf 180 Grad absenken lässt, sodass eine ebene Liegewiese entsteht. Wer will, lässt sich von dem Tüftler dazu noch Extras wie schwenkbare Tische und einen Kühlschrank einbauen. Lars stellt sogar Eisbuden her, die wie ein begehbarer Strandkorb aussehen. Oder XXL- und Miniatur- Modelle, in denen es sich die Lütten mit ihrer ersten Sandkastenliebe gemütlich machen können – so wie es Generationen vor ihnen auch schon getan haben.
Lars‘ Augen entgeht nichts
Ein auf Ostseesteinen gemalter Mini-Lars, der aufpasst, wenn der Chef mal nicht da ist
In Lars’ Vermieterbude stapeln sich Surfbretter für einen Wellenritt, Schlummer- und Relaxkissen für die „sturmfreien Buden“, sowie Fleecedecken, in die man sich bei auffrischendem Wind hineinmummeln kann. „Für meine Gäste nur das Beste“, lautet Lars‘ Devise. Aus jedem Winkel seiner Bude kann der Strandkorbbauer von Dahme über den Strand blicken. Was er sieht? Sommerglück pur! Männer wie Frauen strecken im Körbchen entspannt alle viere von sich. Lachende Kinder buddeln im Sand oder bemalen Steine, die sie an der Ostsee finden, mit Tieren oder Gesichtern.
Ein Steinmännchen, das ihm bis aufs Haar gleicht, hat Lars von einem Stammgastkind geschenkt bekommen. Es liegt auf einem Tisch am Eingang seiner Vermieterbude. „So kann sich keiner mehr beschweren, ich wäre nie da, denn einer von uns beiden ist garantiert hier“, schmunzelt Lars. Wo Lars ist, wenn er mal nicht da ist? Müll aus dem Sand fischen oder den Promenadenverkehr beruhigen, natürlich. Oder auch wieder mal schnell ein Menschenleben retten.
Übrigens: Auch meinen Strandkorb habe ich von Lars Plön
Kontakt: Wenn die Sonne scheint, ist Lars in seiner Strandkorbvermieterbude am Nordstrand von Dahme http://www.dahme.com, An der Promenade 40 (direkt neben dem Schnitzelparadies Kumluk) zu finden. E-Mail: larsploen@gmx.de
Ein deutsches Original
Das erste Strandkorb-Modell ließ sich angeblich 1882 eine feine, aber von Rheuma geplagte Dame vom Rostocker Hof-Korbmacher Wilhelm Bartelmann anfertigen. Sie wollte das heilende Reizklima der Ostsee genießen, sich aber vor allzu viel Sonne und Wind schützen. Rasch fanden die übrigen Seebäder Gefallen an den praktischen Strandmöbeln. Damit ist es aber, wie in manchen Neubausiedlungen, optisch nicht drüber und drunter geht, sind Standardmaße und -aussehen festgelegt: An der Nordsee sind die Windkabinen 1,60 Meter hoch und haben eine gerade Haube, an der Ostsee sind sie 1,68 m hoch und ducken sich unter einer gewölbten Haube … es sei denn, es ist ein Sondermodell von Lars Plön.
Sachen suchen am Ostseestrand macht großen Spaß. Wer genau wissen will, was er da gefunden hat, fragt am besten mal bei Dr. Vollrath Wiese nach …
Der Ostwind hat wieder mal Unmengen von Seegras, Steinen, Muscheln und Meerschnecken an Land gespült. Aber nicht nur an Tagen wie diesen vergeht kein Spaziergang am Strand ohne Sachensuchen. Meine Augen scannen im Vorbeigehen die Stellen ab, an denen besonders viele Kiesel angeschwemmt wurden, immer auf der Suche nach Donnerkeilen. Früher gab’s die zuhauf am Ostseestrand der Lübecker Bucht. Ich habe sie gesammelt – für einen Vorhang. Aufziehen wollte ich sie, an dicken Nylonfäden, einen nach dem anderen … bis mir klar wurde, dass wohl kein Türrahmen das Gewicht aushalten würde. Dann habe ich meine Sammlung verschenkt, um das schon einige Zeit später bereut. Jetzt sammele ich wieder … Ha, ich hab‘ einen gefunden! Und frage doch gleich mal bei Dr. Vollrath Wiese nach. Der Museumsleiter im Haus der Natur in Cismar kennt sich nämlich mit so etwas aus.
Dr. Vollrath Wiese ist ein Doktor. Aber keiner, der einen von Hühneraugen befreit oder Knochen repariert, sondern ein promovierter Erziehungswissenschaftler. Und er ist ganz verrückt nach Muscheln und Schnecken. Also hat er sich als Biologe auf diese sogenannten Mollusken spezialisiert. Von denen hat er Tausende gesammelt, genauso wie andere spannende Sachen aus dem Meer, vom Strand und an Land und 1979 das Haus der Natur im Klosterdorf Cismar gegründet.
Moin, Vollrath, guck mal, was ich gefunden habe …
Dr. Vollrath Wiese: Ah, das Stück eines versteinerten Belemniten!
Ich dachte, das ist ein Donnerkeil … Ja, so wird der ja auch genannt.Dieser volkstümliche Name kommt daher, dass die Menschen bei Gewitter vor ein paar Jahrhunderten noch glaubten, mit den Blitzen schleudere der Donnergott Keile auf die Erde, eben diese Donnerkeile. Um Blitzschläge abzuwenden, legten sie die Versteinerungen unter ihre Hausdächer. Manche trugen sie auch als Schutz gegen einen Hexenschuss bei sich.
So sahen die Belemniten aus. Aber sie waren natürlich viel größer als dieses Modell, nämlich einige Meter lang
Klingt lustig, aber wer wissenschaftlich arbeitet wie du, weiß natürlich, dass Donnergötter ins Reich der Mythen gehört. Wer weiß, vielleicht hat es Donnergötter ja mal gegeben, aber einen Beweis dafür gibt es nicht (lacht) – im Gegensatz zu ihren Keilen, die natürlich keine echten Donnerkeile sind. Es sind die Schwanzspitzen eines Belemniten, oder besser gesagt: die Verlängerung ihrer Rückenplatte. Belemniten sind übrigens fossile Kopffüßer, die zur Gruppe der Tintenfische gehören und in der Kreidezeit gelebt haben, also vor rund 70 Millionen Jahren. Aber dann sind sie ausgestorben, zusammen mit den Dinosauriern. Die Donnerkeile, die wir hier am Ostseestrand finden, waren auch mal länger, sind aber meistens durch den Gletschertransport der Eiszeit zerbrochen
Erst das große Aussterben der Belemniten, jetzt gibt’s auch immer weniger Donnerkeile. Darf ich diesen behalten, oder fällt der etwa unter den Artenschutz?
Gute Frage! Tatsächlich fallen bestimmte Muschel- und Schneckenschalen unter den Artenschutz. Aber klar kannst du deinen Donnerkeil behalten, solange du keinen Laden damit aufmachst …
InfoVollrath Wiese bietet in Kellenhusen und Grömitz unter dem Motto „Erlebnis Ostsee“ Naturführungen an. Adresse Haus der Natur, Bäderstraße 26, 23743 Cismar, Tel. 04366 – 1288, www.hausdernatur.de
Endlich sind wieder Wolken zu sehen am bisher meist blankgeputzten Himmel. Für Realisten sind sie oft nicht mehr als Wetterboten. Für mich aber beginnt im Himmelsgestöber das Reich der Poesie.
„Schäfchen“ am Frühlingshimmel
Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, sieht der Himmel jedes Mal anders aus. Jetzt, im Frühling und Sommer, wandern tagsüber meist gemächliche Schäfchenwolken über das endlos scheinende Blau. Im Winter taucht die aufgehende Sonne die Wolken oft glutrot. Nur die weißen Ränder scheinen sich im Spiel des Windes aufzulösen.Schon als Kind habe ich es geliebt, selbstvergessen auf einem Grashalm kauend mitten in einer Wiese zu liegen und einfach nur nach oben zu schauen. Dorthin, wo watteweiche Fantasiefiguren über den Himmel ziehen und wo die Freiheit wohl grenzenlos ist, wie der Liedermacher Reinhard Mey einmal gesungen hat.
Für die Wissenschaft sind sie nur Nebel …
Die Pforte zur Unendlichkeit ist von Gebilden gesäumt, in denen sich mit ein wenig Fantasie – und wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt – wilde Bären, stattliche Elefanten oder sogar mehrstöckige Geburtstagstorten entdecken lassen. Was für Kinder ein großer Spaß ist und für Erwachsene einer träumerischen Meditation gleicht, kann sich in Windeseile zu Riesen auftürmen. Spätestens dann, wenn sie einen Amboss bilden, sollte man rasch von der Wiese runter und sich in Sicherheit bringen. Denn solche Ungetüme, sogenannte CumulonimbusWolken, kündigen häufig ein krachendes Gewitter an.
Wolken vor der untergehenden Wintersonne
Rein wissenschaftlich betrachtet sind Wolken nichts anderes als eine Ansammlung von mikroskopisch feinen Wassertröpfchen oder Eiskristallen in der Atmosphäre. Ihre weiße Farbe verdanken sie der Lichtstreuung. Experten haben sie in unterschiedliche Stockwerke aufgeteilt. Im erdnahen Geschoss, in etwa 1,5 bis 2 Kilometer Höhe, ziehen die schweren Cumulus-Wolken vorbei, sie aussehen wie Blumenkohlröschen. Wenn sie morgens oder abends aufziehen, gelten sie als Vorboten für schlechtes Wetter. Fünf Kilometer über dem Erdboden tummeln sich Altostrati, das sind Wolken, die oft den ganzen Himmel verdichten und häufig heftige Regen oder Schneefälle ankündigen. Hier sind auch die Altocumuli zu Hause, die sich als harmlose Schäfchen zeigen und beständiges Wetter verheißen. Im dritten Stockwerk, in etwa acht Kilometern Höhe, schweben die an Federn erinnernden Cirrus-Wolken. So nett sie auch anzusehen sind – oft bringen sie Regen. In diesen Tagen dürfte mancher Bauer und Gärtner sie herbeisehnen.
… und für mich die „Poesie der Natur“
Die Faszination dieser Wetterphänomene ist so alt wie die Menschheit. Irgendein Geheimnis scheint Wolken zu umwehen, auch wenn Meteorologen aus den verschiedenen Erscheinungsformen und der Schnelligkeit, mit der die Wolken wandern, die Wetterlage ablesen. In Religionen wie dem Christentum oder dem Islam symbolisieren sie die Unerforschlichkeit göttlicher Allmacht. Naturvölker sehen in ihnen Fruchtbarkeit spendende Regenbringer. Und uns erscheinen sie wie ein geradezu himmlisches Versprechen: Wir schweben auf Wolke sieben, fallen aus allen Wolken oder leben im Wolkenkuckucksheim.
Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als mit beiden Beinen am Boden zu bleiben. Aber wir könnten uns ins Gras legen oder uns auf einer Bank sitzend mit einem Blick in die Wolken dorthin träumen, wo alles, was uns sonst so groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein wird.
Waltraud Schwienbacher – Bäuerin und Visionärin Foto: Mascha Lohe
Kräuter sind ein Lebenselixier Foto: Mascha Lohe
Wenn Waltraud Schwienbacher aufsteht, schlüpft sie in ihre Wollschuhe und bricht zu ihrem täglichen Waldspaziergang auf. Sie pflückt unterwegs eine Handvoll Kräuter, die den Sommer überdauert haben, und braut sich, zuhause wieder angelangt, daraus einen Tee und setzt sich in die holzgetäfelte Stube des Wegleithofs in St. Walburg. Die frühe Ruhe ist ein kostbarer Moment im bewegten Alltag der 70-Jährigen, denn sie hat ihre Heimat, das Ultental in Südtirol, aus dem Dornröschenschlaf geweckt und Menschen von Ideen überzeugt, an die sie eigentlich nicht so recht hatten glauben wollen – mit unerschütterlichem Glauben und sanfter Beharrlichkeit.
In den fortschrittsgläubigen 1980er Jahren waren einige der rustikal-charmanten Bergbauernhöfe des Ultentals niedergerissen worden, um zweckmäßigen Neubauten Platz zu machen. Die Kleinbauern konnten von den Schleuderpreisen, die sie für das Fleisch und die Milch ihrer Tiere erhielten, kaum mehr leben. Die Töchter und Söhne versuchten in den Städten des Meraner Landes ihr Glück. „Niemand hier wusste mehr, welche Schätze sich unmittelbar vor unserer Haustür befanden, wie etwa die Wolle unserer Bergschafe, die zu der Zeit noch auf der Mülldeponie landeten, weil sie wertlos schien. Als ich davon erfuhr, wurde mir klar: Irgendetwas stimmt nicht an der Art und Weise, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen“, erinnert sich Waltraud Schwienbacher und streicht eine silbergraue Strähne aus ihrer Stirn.
Singende Überredungskunst
Sie selbst war aufgewachsen mit einer Mutter, von der sie alles lernte über den Reichtum und die Heilkraft der Natur. Schon mit 12 Jahren strickte die kleine Traudi, wie sie von allen genannt wird, begeistert. Später, da war sie selbst bereits Mutter von vier Kindern, färbte sie Wolle mit Brennnessel, Malve und Zirbennadeln und beschäftigte sich eingehend mit der „Wunderfaser“, wie sie die Tierhaare nennt. „Wolle ist so etwas wie eine tragbare Klimaanlage. Sie nimmt Schadstoffe aus der Umwelt auf und neutralisiert diese. Sie fördert den Zellaufbau im menschlichen Körper und wirkt entzündungshemmend. Allein damit könnten wir unsere halbe Hausapotheke ersetzen, stattdessen blockieren wir unseren Lebensfluss durch synthetische Faserbeimischungen.“ Was kämpferisch erscheint, klingt mit Traudis melodischer Stimme so beschwörend, dass man versucht ist, den Kopf über die eigene Dummheit zu schütteln.
Die Ultener Bergschafe gehören zu Traudis Schätzen vor der Haustür Foto: Mascha Lohe
Auf diese Weise hatte Traudi damals, vor über einem Vierteljahrhundert, wohl auch die Schafbauern dazu überredet, ihr die Schurwolle zu überlassen. Und daraus galt es etwas zu machen. Die Visionärin versammelte eine Handvoll Menschen um sich, die wie sie selbst das bäuerliche Kulturgut bewahren wollten. Sie arbeiteten ein von der Schule bis zum Arbeitsplatz alle Lebensbereiche umfassendes Konzept aus unter dem Titel Lebenswertes Ulten. Mit dem Ziel, nur mit natürlichen Rohstoffen zu arbeiten und ihrer angestammten Heimat mehr Lebensqualität und eine Perspektive zu geben. Was nichts weniger bedeutete als den Bauern Möglichkeiten zu eröffnen, wie sie ihre hofeigenen Ressourcen optimal nutzen und sich so zusätzliche Einkünfte sichern, die Verwertung von Rohstoffen, wie Holz, Wolle und Pflanzen voranzutreiben und kulturelle Bildungsangebote zu schaffen. „Denn die Natur ist die beste Hochschule, an der wir studieren können“, ist Traudi überzeugt.
Pullover aus Abfall und Salben aus Unkraut
Verrückt sei sie geworden, die Traudi, die wolle aus Abfall Pullover stricken und aus Unkraut Salben machen – was für eine spinnerte Idee. So redeten sie, die Leute im Tal. Viel Spott und Argwohn schlug der Bergbäuerin entgegen. Wohl auch, weil sie Sätze sagte wie: „Wenn wir die Menschen zur Natur zurückführen, werden sie heiler.“ Worte, die in den Augen der meisten unverbesserlich rückständig klangen. Verspottet und ausgelacht wurde sie dafür. „Oft habe ich überlegt, ob ich alles hinschmeiße, aber am nächsten Morgen wurde ich wach und wusste: Ich muss weitermachen, das ist der richtige Weg.“ Sie kämpfte weiter, leistete Überzeugungsarbeit in der Gemeinde, begeisterte gestandene Handwerksmeister und Kräuterkundige von ihrer Idee, eine Winterschule (www.winterschule-ulten.it) zu gründen, an der die Ultener in den weniger arbeitsreichen Monaten althergebrachte Handwerke mit staatlich anerkanntem Abschluss wieder erlernen konnten.
Foto: Mascha Lohe
Es waren vor allem die Jungen, die Traudis Visionen folgten, wie zum Beispiel die Dorothea Egger. Die 47-jährige Kleinbäuerin und Mutter von sechs Kindern: „An der Traudi hat mir imponiert, dass sie anders war als alle anderen, zu dem stand, was sie sagte und sich ihre Träume nie ausreden ließ.“ Aber auch Menschen von außerhalb erkannten, was für ein Potenzial sich im verschlafenen Ulten herauskristallisierte. Als der renommierte Designer und Architekt Matteo Thun (www.matteothun.com) das Hotel Pergola (www.pergola-residence.it) in Algund plante und nach Traditionshandwerkern suchte, wurde er über die Winterschule fündig. Hier hatte der Bauer Erhard Paris das Flechten gelernt und es zur Meisterschaft gebracht. Der Star-Designer und der Landwirt gestalteten gemeinsam schwebende Trennwände für das Restaurant. Handgestrickte und pflanzengefärbte Kissen für die Residenz kamen ebenfalls aus den Werkstätten der Winterschüler. Und doch sollte es noch einmal Jahre dauern, bis die letzten Kritiker verstummten. „An einen dauerhaften Erfolg haben nur wenige geglaubt“, sagt Traudi. Zu viert saßen sie damals in der behelfsmäßigen Schule, mittlerweile sind es Jahr für Jahr knapp 500 Absolventen. Heute wissen Bäuerinnen wieder, wie man käst. Ihre Männer drechseln, schnitzen und flechten. Junge Frauen spinnen, weben, filzen und sammeln Kräuter für heilkräftige Tees und pflegende Cremes. Sogar in den Hotels der Region hat die Natur mit ursprünglichen Produkten und naturnahen Wellnessangeboten wieder Einzug gehalten.
… und es geht weiter bergauf
Spricht man Traudi Schwienbacher auf den Erfolg ihres Lebenswerks an, klingt sie gewohnt bescheiden: „Mit dem, was wir hier tun, haben wir ja nur eine kleine Wiese geschaffen, aber es ist schon schön zu sehen, wie der Wind die Samen weiterträgt.“
Das Herz des Ultentals: Traudi Schwienbacher Foto: Mascha Lohe
Die Koordination der Winterschule hat sie in jüngere Hände abgegeben, an ihre Tochter Franziska. Und doch hat die Visionärin kaum eine freie Minute: Sie unterrichtet weiterhin selbst, macht Kräuterführungen, betreibt in St. Walburg ihren eigenen Hofladen namens Kräuterreich (www.kraeuterreich.com) hält Vorträge im In- und Ausland und gibt immer wieder neue Anstöße für das Generationenprojekt „Lebenswertes Ulten“. So hat sie das Wollvermarktungsprojekt Bergauf (www.bergauf.it) ins Leben gerufen. Dort werden die jährlich 90 Tonnen Wolle des Ultener Bergschafe gesammelt und nach genossenschaftlichem Prinzip weiterverarbeitet – zu Teppichen, Matratzen, Accessoires und Kleidung. Sie selbst schläft unter einer Wolldecke auf einer wollenen Matratze und kleidet sich von Kopf bis Fuß mit pflanzengefärbter Seide oder Wolle – bis hin zu den Schuhen, in die sie an jedem neuen Morgen schlüpft.
Das Ultental blüht. Immer mehr Menschen hier können wieder von ihrer Arbeit leben, weil die Natur für sie zum Handwerkszeug und zur Lebensschule geworden ist – so wie Traudi es sich erträumt hatte. Die Winterschule hat das Tal verändert, ohne Frage. Auch wenn manch ein Ultener überzeugt ist, es sei doch alles schon immer so gewesen wie es heute ist.
Benzin fürs Auto, um hin und wieder zu schauen, was sich jenseits des Paradieses tut, in dem ich lebe.
So könnte es gehen …
Nur jetzt frage ich mich, ob es die Friseurin, den Bäcker, den Fleischer, den Landgasthof oder Griechen, das Kaufhaus, den Blumenladen, die Konzerte, die Kunst, die Magazine noch geben wird, wenn wir in drei Monaten oder irgendwann diese schwierige Herausforderung gemeistert haben werden. Es werden nicht alle von ihnen übrigbleiben. Aber wenn wir unser Brot (zumindest meistens) wieder beim Bäcker kaufen, der Friseurin den gesparten Betrag beim nächsten Mal obendrauf legen, wie eine Bekannte vorschlug, in den Hofläden der Bauern einkaufen statt im Supermarkt, den Mittagstisch beim Schlachter im Dorf oder im Restaurant zur Außer-Haus-Lieferung bestellen und die vielen namenlosen MusikerInnen und YoutuberInnen mit einer Spende bedenken, weil sie uns kostenlos online unterhalten, beim lokalen Buchhändler online Lesestoff besorgen (statt bei Amazon), Blutspenden gehen beim DRK-Ortsverein undsoweiterundsofort, dann könnten es einige von denen, die unser bisher Leben bereichert haben, vielleicht doch schaffen.
Es trifft (fast) alle
Ich weiß, das Geld wird knapp – vor allem für kleine Unternehmen, Solo-Selbstständige und Freiberufler wie mich. Aber die Tatsache, dass wir alle im selben Boot sitzen und gemeinsam in eine Zukunft #nachCorona starten wollen, bringt uns vielleicht gemeinsam auf neue Gedanken, wie wir einander helfen können.
Als Kind vom Land interessiere ich mich naturgemäß für „grüne“ Themen – liegt auf der Hand, oder? Dass ich mit einer Biografie über einen „Grünen“ beauftragt wurde, ist aber (fast) ein reiner Zufall.
Kann der Kanzler?
Robert Habeck – eine Biografie, FBV 2020
Er war Philosoph, Schriftsteller und Familienmensch, Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Heute bildet Robert Habeck gemeinsam mit Annalena Baerbock die Doppelspitze von Bündnis 90/Die Grünen. Einst als »Müsli-Esser« und »Ökospinner« abgetan, gewinnt die Partei immer mehr Anhänger. Dabei spielt Robert Habeck eine zentrale Rolle. Aber wie kam es zu seinem Aufstieg? Welchen Personen und welchen Umständen verdankt er seine Karriere? Und welchen Eigenschaften? Dies ist die Annäherung an einen Mann, der sich vorgenommen hat, die politische Landschaft Deutschlands zu verändern.
„Die Autorin bleibt durchgängig in sachlicher Distanz zu ihrem Protagonisten und zeichnet ein differenziertes Bild von ihm […] Zudem wurde ich durch rhetorisch eingespielte Fragen […] animiert, mich nicht mit den Einschätzungen von dritter Seite zu begnügen […], sondern zu einer eigenen Haltung zu finden. Eine schöne Anregung zum Selberdenken …“
Sabine List auf Amazon
Die Kraft der Natur
Ein anderer Zufall wollte es, dass ich nach einem Besuch in der Steiermark für und (teils gemeinsam) mit Renate Polz über die Kraft der Natur schreibe.
„Als Geschenk gekauft und verschenkt … die Resonanz war großartig. Ein wunderschönes Buch“
Amazon-Kunde
Hamburg – eine Perle
In Hamburg habe ich lange gelebt. Und weil die Elbmetropole der Geburtsort meiner Tochter ist, habe ich mit großem Vergnügen – und unterstützt durch meine tolle Fotografenkollegin Anne Eickenberg (www.anne-eickenberg.de) – die außergewöhnlichsten Adressen der Hansestadt zusammengetragen.
National Geographic Styleguide Hamburg, National Geographic Verlag, 2018
Der National Geographic Styleguide Hamburg nimmt euch mit zu den angesagtesten Läden der Stadt und bietet Ihnen einen individuellen Einblick in die Kultur Hamburgs. Abseits kommerzieller Wege machen wir überall dort Halt, wo Außergewöhnliches, Neues und Kreatives zu entdecken ist und zeigen selbst Ortskundigen unbekannte Ecken. http://www.verlagshaus24.de/styleguide-hamburg
„Klar, dass in diesem ‚Reiseführer‘ auch die üblichen Touristenattraktionen kurz erwähnt werden. Schwerpunkt […] liegt jedoch auf den wenigen, nur bei Insidern bekannten Attraktionen. Klein, versteckt, voller Überraschungen, voller „Ah’s und Oh’s“! […]Eben alles, was in einem ’normalen‘ Reiseführer kaum bis gar nicht Platz findet. […]Mit diesem Styleguide ausgerüstet ist die nächste Reise rund 900 Kilometer nach Norden nur schlecht abzuwarten.“
W. Scharfenberger auf Amazon
Bevor diese Bücher von mir veröffentlicht wurden, habe ich für die TV-Köchin Sarah Wiener ihr Zukunftsmenü aufgeschrieben und redaktionell an Fleischfabrik Deutschland von Dr. Anton Hofreiter mitgearbeitet (beide erschienen in Riemann Verlag).